Tapas: Warum Selbstdisziplin manchmal bedeutet, eine Pause zu machen
Wir leben in einer Welt, die Leistung feiert.
Die uns beibringt, noch mehr zu tun, noch härter zu arbeiten und noch konsequenter zu sein.
Ich dachte, ich wäre ausgestiegen aus diesem System, als ich meinen letzten Job mit Führungsverantwortung in einem Großkonzern verlassen habe.
Bin ich nicht.
Denn…
Ich habe es wieder getan.
Ich habe mich überarbeitet.
Manche von euch, die mich schon länger kennen, werden sich jetzt denken… das hat sie schon einmal. Sie war doch schon mal länger im Krankenstand, weil sie leer war. Nichts mehr ging. Ja, so ist es. Deshalb tue ich heute beruflich, das was ich tue. Deshalb gebe ich mein Wissen heute in Breathwork- und Yogastunden weiter.
Ich habe übertrieben. Die Zeichen meines Körpers nicht wahrgenommen.
Denn der Kopf war lauter.
„Du musst.“
Mehr.
Perfekter.
Lauter.
Damit du gesehen wirst.
Ich habe mir diesmal (wieder) zu viel aufgeladen. Ich wusste, worauf ich mich mit der Selbstständigkeit einlasse. Dass Juni und Juli intensiv werden würden – auch in meinem Angestelltenjob. Und dass ich in dieser Zeit besonders gut auf mich achten darf.
Tja, was soll ich sagen.
Ich bin nicht mehr an dem Punkt, wie vor ein paar Jahren. Ich habe gelernt, besser auf mich acht zu geben. Aber trotzdem bin ich müde, erschöpft und spüre mich selbst nicht mehr. Ich funktioniere. Ich habe mir selbst Druck gemacht, dass das alles gehen muss. Mit der Aussicht: bald ist Urlaub.
Ist es auch. Ich habe noch einen Arbeitstag bis zu unserem Urlaub. Und nein, es ist nicht ein Monat Urlaub. Es ist eine Woche.
Was ich heute anders mache ist: ich mache zwischendurch PAUSEN.
Aber leider immer noch zu wenige.
Warum ist das so schwer, uns kleine Auszeiten zu gönnen? Mal nichts zu tun? Oder statt der To Do Liste etwas FÜR UNS zu tun?
Ein Spaziergang im Wald, eine Yogastunde, ein Kaffee mit einer Freundin, ein Blick in den Himmel. Nichts, was stundenlang dauert. Tagelange Abwesenheit bedeutet. Nein. Es kann die eine Stunde Breathwork sein oder die eine Stunde im Wald oder die zwei Stunden Frühstücken mit einer Freundin.
Viel wichtiger ist die REGELMÄSSIGKEIT von Pausen. Nicht bis zum Urlaub „durchhalten“, sondern täglich ein paar Minuten FÜR DICH.
In der Yoga Philosophie nennen wir das „Tapas“. Tapas (Selbstdisziplin) ist eines der fünf Niyamas der Yoga-Philosophie und steht für innere Disziplin, Hingabe und die Bereitschaft, bewusst an sich selbst zu arbeiten.
Dabei geht es nicht um Härte oder Perfektion, sondern darum, auch dann dranzubleiben, wenn es unbequem wird. Tapas erinnert uns daran, dass persönliches Wachstum durch kleine, konsequente Schritte entsteht – sei es durch eine regelmäßige Yogapraxis, bewusste Atemübungen oder achtsame Routinen im Alltag.
Und manchmal bedeutet Tapas auch, den Laptop zuzuklappen, obwohl die To-do-Liste noch lang ist.
Genauso wie wir an anderen Themen arbeiten, die unsere innere Disziplin, Hingabe und Bereitschaft benötigen, dürfen wir das auch mit uns selbst und unserem „Self-Care“ – also der Selbstfürsorge – machen.
Gerade wenn wir beginnen, besser auf uns zu achten, geraten wir allerdings oft in eine neue Falle: Aus Selbstfürsorge wird Selbstoptimierung.
Eine Smartwatch, die uns “trackt”.
Ideale Zeiten für Essen.
Ideale Zeit und Dauer für Schlafen.
Ideales Sportprogramm.
Nur wer sagt uns, dass das IDEAL für uns ist?
Wir selbst?
Leider viel zu selten.
Wir haben verlernt, in uns rein zu lauschen, was uns guttut. Und danach zu handeln. Und ja, es geht nicht immer. Verpflichtungen gehören dazu. Vielmehr geht es darum, immer wieder innezuhalten und bei dir einzuchecken. In welcher Form auch immer. Vielleicht ist genau deshalb meine Arbeit heute eine andere. In meinen Breathwork- und Yogastunden geht es nicht darum, noch besser zu werden. Sondern wieder zu lernen, sich selbst zuzuhören.
Wahre Selbstdisziplin im Umgang mit dir selbst bedeutet, liebevoll und konsequent Entscheidungen zu treffen, die dein Wohlbefinden und deine persönliche Entwicklung unterstützen. Entscheidungen für dich.
Keine Perfektion. Keine Selbstoptimierung.
Sondern ganz viel SANFTHEIT.
Aus meiner Sicht, schließen sich Selbstdisziplin und Sanftheit nicht aus. Sie sind eine wunderbare Ergänzung, wenn es darum geht, FÜR DICH etwas zu tun.
Vielleicht beginnt wahre Selbstdisziplin genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Wo wir lernen, unserer inneren Stimme wieder zu vertrauen – auch dann, wenn sie uns zu einer Pause statt zur nächsten Aufgabe einlädt. Denn manchmal ist genau das der mutigste Schritt.
